Was hat mir 2022 gebracht?

In einem Podcast habe ich neulich die Frage gehört, was im vergangenen Jahr den Interviewten dazu gebracht hat, eine Perspektive zu überdenken. Mir hat die Frage auch zu denken gegeben. 2022 hat mir viele neue Einsichten beschert, manchmal ganz nebenbei, manchmal, weil ich auf der Suche nach einer Antwort war.

Ich glaube, dass ich in einer Rezension über Ralf Rothmanns Buch „Die Nacht unterm Schnee“ die Feststellung las, das Autoren am Besten Geschichten erzählen können, die ihre eigenen sind. Mich hat diese Feststellung erleichtert. Denn mir wurde schon die Frage gestellt, ob es therapeutisches Schreiben ist, was ich betreibe. Und manchmal gibt es ja auch den unausgesprochenen Vorwurf des Seelenstriptease an Autoren.

Per Zufall fand ich auf Facebook (ja, da gibt es auch manchmal Einsichten, trotz allem Quark) einen Post einer Lehrerin für kreatives Schreiben, die ermutigend in etwa Folgendes sagte: Schreiben Sie. Ob es andere lesen werden, ist zweitranging. Aber die Dinge, die Sie durch das Schreiben entdecken, werden die Mühe wert sein.

2022 habe ich überhaupt erst wieder angefangen zu schreiben, nach Jahren der Pause. Es sind Gedichte entstanden, die Rohfassung eines Theaterstücks (die Arbeit geht weiter) und dieser Blog. Ich bin gespannt, was als Nächstes kommt.

Weitermachen

Nicolas	Helene, der Laden ist dicht! 
                Endlich werde ich abends bei 
                dir sein, mein Engel!
Helene	Das ist eine Überraschung.
Nicolas	Urlaub zu Hause. Endlich werde ich 
                genug Zeit für alles haben.
Helene	Bin ich alles?
Nicolas	Du bist großartig.
Helene	Du auch.
Nicolas	Jetzt muss ich mal was 
                grundlegend anders machen. Das 
                machen, was ich immer schon 
                machen wollte. Die Bar ist zu, friss 
                oder stirb, aber ich werde jetzt...
Helene	Schwimmen?
Nicolas	Mach dich nicht lustig. 
Helene	Entschuldige.
Nicolas	Ich werde mich jetzt endlich der 
                Kunst widmen.
Helene      Ausgerechnet jetzt?
Nicolas	Pst. Hörst du?
Helene	Was soll ich hören?
Nicolas	Nichts, eben, nichts hören.
Stille.
Helene	Ich höre nichts.
Nicolas	Perfekt!
Stille	Und?
Nicolas	Das ist total dicht. Es ist nicht 
                nichts, was du hörst. Ich höre 
                alle Möglichkeiten, die aus dem 
                Nichts werden können. So muss es     
                für Haydn gewesen sein, was Haydn 
                gehört hat, als er die Schöpfung 
                schrieb.
Helene	Haydn?
Nicolas     Hab ich mal gelesen.
Helene      Ach so.
Nicolas	Ein großes Einatmen.
Stille.
Nicolas	Das ist doch Wahnsinn. Ich spüre 
                alles, was da in dem Nichts 
                angelegt ist.
Helene	Wahnsinn.
Nicolas	Nein, nein. Ich spüre die Dichte. 
                Schau mal geradeaus. Was siehst 
                du?
Helene	Eine Wand.
Nicolas	Und vor der Wand?
Helene	Nichts.
Nicolas	Und das ist eben trügerisch. Weil 
                die Luft, die zwischen dir und der 
                Wand ist, ist ja auch. Aber du siehst 
                sie nicht.
Helene	Sie ist ja auch durchsichtig.
Nicolas	Sagst du. Ich sage: Unsere Augen 
                sind nicht gut genug. 
Helene lacht.
Nicolas	Du nennst das die Luft nichts, weil 
                du sie nicht siehst. Dabei lebst du 
                genau davon, dass du sie einatmen 
                kannst.
Helene	Und aus.
Nicolas	Ja, ja, klar. 
©Radu Florin on Unsplash
Eine begonnenes Stück zu überarbeiten finde ich schwieriger als mit einer leeren Seite anzufangen. Wenn ich ein Stück mit einem Gebäude vergleiche, dann ist jeder Satz ein Baustein. Aber jeder Baustein hat eine andere Form. Deswegen kann man die Sätze nicht beliebig tauschen und an der gleichen Stelle rauskommen.
Bei Nicolas und Helene habe ich einen neuen Anfang (ein neues Fundament) gewählt. Ich will zeigen, was die beiden aneinander haben, ehe der Zerfall einsetzt. 
Die Herausforderung ist nun, den hoffnungsfrohen Anfang mit der Endzeitstimmung der Rohfassung zusammen zu bekommen.

Tipping points 2 – escapes and saving strategies

®Jakub Kriz on Unsplash
After writing about the tipping point, where a personal principle for success turns into a self-limitation, I could not help reflecting on the things we do, to avoid realizing that we are at a tipping point.

The first strategy is to allow exeptions from the rule. To take a simple example, the principle "I don't eat sweets". This may be a very helpful principle for eating healthy or keeping weight. But let`s imagine a hike on which your healthy snack stayed safely at home. The only thing your hiking partner has to offer is a bar of chocolate. Trivial? Maybe. But the point is not the single exeption. The point is that over time you may get so many exeptions to the rule that the principle gets to be only an abstract ideal, whereas your everyday behavior is directed by the exeptions. Storytellers love this discrepency, normal people hate it.

The second strategy is to escape from having to examining a principle. Let`s take "the customer is always right". But what if your customer tells you that your company will not make it to market with the new technology you are developing? The simplest escape is to drive to the conversation to safer grounds (escape). But what if your customer insists?  You may start having second thoughts, you may be wondering, how much the customer really knows about the new technology. All the while you may have discussed the weather, melting glaciers, cats on trees and god knows what, because you are trying to save your customer and yourself from the fact that - "customers can be awfully wrong". 

If you don't have sweaty palms after reading through this, congratulations. Either you are pretty tolerant for cognitive dissonance (this is what psychologists call it, when there is a gap between your ideal and the real situation). Or you are experienced enough to navigate between several prinicples.

If you feel a little uncomfortable, great. No, seriously. In storytellers' words you are feeling tension. And a story without tension is - no story. 

What I wanted to illustrate here is that principles (self-beliefs), tipping points and strategies to avoid realizing tipping points are the true material for storytellers. So, if you are going through a difficult situation, reassure yourself that you will be having a story to tell afterwards. And don't give up, just because giving up is the easiest way!

Nach der Rohfassung

Vor etwa drei Wochen habe ich die erste Rohfassung des Stücks fertig geschrieben. Nun kommt der Teil, den ich schwieriger finde als die Rohfassung zu schreiben. Jetzt geht es darum, das, was mich persönlich an dem Stoff interessiert hat, für  andere zugänglich zu machen. 

Durch die Fragen einiger Erstleser bin ich zur zentralen Frage gelangt, was ich eigentlich erzählen will. 

Es geht mir darum, zwei persönliche Entwicklungen in und durch die Extrem-situation lock-down zu zeigen. Nicolas will viel und scheitert an seinen eigenen Ansprüchen. Helene stellt die eignen Ansprüche hinten an, weil sie Nicolas Träume mitträumt, und wird auf sich selbst zurück geworfen. Und es geht mir darum, wie Zwang und Gewalt sich in eine Beziehung einschleichen.
Durch die Rohfassung habe ich eine Kontur des Materials mit dem ich arbeite, aber noch ist viel unklar für fremde Augen

Rohfassung und Streichen

Es ist geschafft - die Rohfassung des Stücks steht. Helene kommt zum Elysium und zu ihrer eigenen Version von Himmel und Erde.

Diesmal habe ich mich bislang bewusst davon abgehalten, fast so viel aus dem entstandenen Text zu streichen, wie ich hinzufüge. Gleich viel zu streichn habe ich zum Beispiel bei Ohne Mond getan und jetzt erst festgestellt, dass ich damit bei einem ziemlich minimalistischen Text gelandet bin, der den Lesern nicht viel außerhalb des Dialogs bietet.
Natürlich habe ich auch diesmal Textstellen gestrichen, die mir selbst langweilig waren oder die zu sehr nach Papier klangen. Den großen Rotstift habe ich aber nicht angesetzt, und das hat gut getan.
Ich glaube, Streichen ist ein Vorgang, der bereits zum Text Verwenden gehört. Man setzt die prüfende Brille auf und wägt ab. Um das Spielfeld aufzubauen, hilft dieser Blick mir nur bedingt. 

Mit dem Fertigstellen der Rohfassung ist es jetzt Zeit, vom Aufbauen zum Prüfen zu wandern.
Helene		Und dann lachen wir und lehnen uns zurück   
                        und schauen in den unendlichen 
                        Sternenhimmel, den wir von hier gar nicht 
                        sehen können, unser Himmelreich. Es macht 
                        alles Sinn. Der Himmel, über uns gespannt 
                        von Horizont zu Horizont, ist unser Zelt. Wir 
                        schauen uns eine Sternschnuppe aus, die 
                        Feuchtigkeit der Nacht auf unseren Lippen 
                        wie ein Versprechen, Mondwasserklatschen 
                        im Wellengeschwups.
Chorführerin	Schwupps.
Helene		Und dann sind wir bei der Galerie der Engel. 
                        Wir gehen hindurch. Einer wird sich uns an 
                        die Fersen heften. Bete dass es ein Guter ist. 
                        Wer das sehen könnte. Am Ende bleibt doch 
                        das Zwielicht der Dämmerung und ein 
                        Geschmack von weiss. Nein, mit Kitsch hat 
                        das jetzt mal nichts zu tun.
Chorführerin	Wir sind da.

Warum Regenwürmer?

Ein Probeleser des Stückes fragte mich, wie ich auf Regenwürmer gekommen sei. Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht. Aber ich habe gute Gründe gefunden, die Regenwürmer im Text zu behalten. 
Einerseits habe ich tatsächlich einmal im Balkonkasten Regenwürmer gefunden. Während des Lock-downs fehlte mir, wie wahrscheinlich vielen Städtern, ein Garten. Die Blumenkästen wurden dadurch noch wichtiger.
Andererseits nutzt Willard Gaylin Regenwürmer, um Freuds Triebtheorie zu widerlegen. Wenn Sexualität die Haupttriebfeder menschlichen Handelns wäre, wäre der Mensch gebaut wie ein Regenwurm: Mit einem anderen Geschlecht am jeweils anderen Ende, so dass sich der Regenwurm mit jedem anderen Regenwurm oder zur Not auch mit sich selbst paaren kann. Ich finde diese Beweisführung amüsant genug, um den Regenwurm als Symbol der Sexualität

Helene	Und was essen wir jetzt?
Nicolas versucht zu antworten. Helene läuft auf und ab. Dabei verteilt sie Spuren der übergekochten Weizenkörner.
Nicolas	Regenwürmer.
Helene	Nie im Leben.
Nicolas	Dann schlag etwas anderes vor.
Helene	So schlimm ist es auch noch gar 
                nicht. Ich halte das schon aus.
Nicolas	Wir könnten sie auf dem 
                Lampenschirm rösten.
Helene	Nein.
Nicolas	Dann mach ich das eben alleine.
Stille.
Helene 	Wir waren Vegetarier.
Nicolas	Wie kommst du darauf?
Helene 	Wir können keine Regenwürmer 
                essen.
Nicolas	Ich war gegen Massentierhaltung. 
                Regenwürmer aus Massen-
                tierhaltung gibt es nicht.
Helene	Musst Du immer recht haben?
(...)

Eigenleben

Musik hilft mir, den Figuren eine Stimme zu geben. Der Monolog von Helene, der hier zu lesen ist, ist als erstes entstanden. Um eine Gegenstimme von Nicolas zu finden, hilft mir die Musik von Asaf Avidan sehr weiter.

Fast so wichtig wie das Schreiben, ist das Zuhören. Ich verbringe viel Zeit damit, mir eine Liste von Musiktiteln zusammenzustellen und diese wieder und wieder anzuhören. Manche Musikstücke helfen mir, die Perspektiven von den Protagonisten zu erspüren. Manche helfen mir mit dem Rythmus oder den Übergängen. Das Schöne daran ist auch, dass ich mich auch dann mit dem Stück beschäftigen kann, wenn es meine Zeit eigentlich nicht erlaubt. Die Musik nimmt mich nicht kognitiv in Anspruch, sondern unterfüttert die Emotionen.

Helene 		Und dann kannst du plötzlich nicht mehr 
                        anders. Als ob alles Verständnis auf einmal 
                        aufgebraucht wäre. Du weisst selbst nicht, 
                        wie das sein kann. Wo ist deine Würde 
                        geblieben? Du siehst, dass all das, was du 
                        hingenommen hast, weil du dachtest, dass es 
                        schon werden wird, dass man Geduld 
                        braucht, dass es einen Sinn hat, das 
                        auszuhalten, dass das eine einzige Lüge war. 
                        Mehr noch. Dass die Luft zu knapp zum 
                        Atmen wird für zwei Menschen, die jeweils 
                       die Lufthoheit über den Raum beanspruchen, 
                       der einmal gemeinsam war. Der Misthaufen, 
                       der Sammlung oder Kunst oder Teil einer 
                       Installation genannt wurde, wird wieder zum 
                       Misthaufen. (...) Es kratzt dich im Hals. Du 
                       räusperst dich. Und dann passiert, womit du 
                      nicht gerechnet hast. Der andere schnappt 
                      nach dir. Wegen einem Räuspern. Mit Worten 
                      schnappt er nach dir. Du darfst dich nicht 
                      einmal Räuspern. Du willst beschwichtigen, zu 
                      lächerlich ist die Sachlage, aber deine Worte 
                      kommen lauter aus deinem Mund, als du es 
                      willst. Der andere schreit. Du schreist. Weil du 
                      nicht gehört wirst, weil es doch, verdammt 
                      noch mal, nicht um dem Misthaufen geht, 
                      sondern darum, dass du hier einfach 
                      unterlegen bist, dass du nicht ausreden 
                      kannst, dass du nicht die richtigen Worte 
                      findest, ja, die Worte, die du mühselig 
                      zusammengeklaubt hast, werden vom anderen 
                      in der Luft zerfetzt und es prasseln auf dich 
                      Wortsalven und du kommst gegen das 
                      Trommelfeuer der fremden Logik nicht an und 
                      findest in den eigenen Worten keine Deckung. 
                      Und dann schmeißt du etwas auf den Boden. 
                      Ein Zeichen nur, dein Widerstand, um nicht 
                      überrannt zu werden. Aber die Wortsalven 
                      werden heftiger. Du greifst den nächsten 
                      Gegenstand und schleuderst sie dem anderen 
                      an den Kopf. Knapp neben den Kopf. Du 
                      erwartest Ruhe, damit du dich endlich erklären 
                      kannst, aber stattdessen ist der andere zum 
                      Nahkampf übergegangen. Sein Mittel der Wahl 
                      ist ein Bajonett mit scharfer Lanze oben dran 
                      und damit rückt er dir auf den Leib. Du siehst 
                      die Klinge vor deinem Gesicht und rastest aus. 
                      Du wühlst dich durch alles, was du finden 
                      kannst, suchst Deckung, suchst Halt, Trost in 
                      dieser Unmöglichkeit, in der du doch 
                      eigentlich gar nicht sein kannst, aber der 
                      andere kennt dich zu gut, er hat deine Fährte 
                      gewittert, folgt dir auf dem Fuss, jeder Winkel 
                      ist nur ein Hinterhalt und du, du, du kannst 
                     nicht anders, du haust ihm das Bajonett aus der 
                     Hand und da kommst du zur Besinnung, weil 
                     deine Haut auf seine Haut trifft, aber da ist es 
                     zu spät. Du schwörst, dass es dir leid tut, dass 
                     du das nicht wolltest, aber du hast den 
                     Höllenhund im anderen geweckt und er springt 
                     dir entgegen und du hältst dir den eigenen 
                     Kopf, damit er in dieser Schlacht nicht davon 
                     getragen wird.

Worum geht es?

Wenn ich sage, ich schreibe an einem Stück, kommt unweigerlich die Frage, worum es geht. Ich zucke dann innerlich ein bisschen zusammen. Wenn ich von vornherein genau wüsste, worum es geht, müsste ich mich ja nicht durch den Schreibprozess quälen. 

Um den Frager nicht leer ausgehen zu lassen ohne mich zu weit hinauszulassen, nenne ich dann den Arbeitstitel. Der heisst für die Geschichte von Helene und Nicolas Der Zerfall des Wirs oder Ausflug zum Rand der Gesellschaft. 

Der Arbeitstitel ist so etwas wie mein persönlicher Kompass auf dieser Reise. Das ist sein Zweck. Der endgültige Titel, mit dem ich mich am Ende beschäftigen muss, hat einen anderen Zweck. Der endgültige Titel richtet sich an das Publikum und soll dessen Neugier reizen.

Aber nochmal zurück zur Frage: Worum geht es? Natürlich hatte ich in der Vergangenheit auch mal die Vorstellung, dass man sich eine Handlung ausdenkt, und dann diese ausgestaltet. Das mag für manchen Autor auch funktionieren. Für mich funktioniert es nicht. Ich vergleiche das mal mit dem Malen: manche finden Ausmalbilder meditativ. Ich war darin noch nie besonders gut und irgendwann kommt unweigerlich der Punkt, an dem ich mich langweile und bleiben lasse. Deswegen bitte ich den Frager immer um Nachsicht, dass ich das mit der Handlung nicht so genau beantworten kann.
Bei einer Baustelle fragt selten jemand, worum es geht. Was gebaut wird, fragt man schon eher.

Verankern der Geschichte – der Chor

Es gibt gleich mehrere Gründe, warum ich mich für einen Chor in der Geschichte von Nicolas und Helene entschieden habe. Einerseits kann ich so die Umstände des Geschehens porträtieren (ein extremer Lock-down). Andererseits kann ich so die Mehrheitsgesellschaft mit einbeziehen. Diese nimmt nur begrenzt wahr, was bei einzelnen Mitgliedern vorgeht, aber durchläuft dadurch auch als Gruppe eine Veränderung. Anfangs sehr aufmerksam und einsatzbereit, wird der Chor mit der Zeit immer lethargischer. Ich vermute, dass es nach der Lethargie noch weitergeht, aber so weit bin ich noch nicht.
Der nebenstehende Ausschnitt findet sich aktuell etwas nach der ersten Hälfte der Geschichte.
Das Licht glimmt herunter. Ein Geräusch wie Regen setzt ein. Klorollen fallen auf die Bühne. Die Chormitglieder springen auf und horten Klorollen. Sie bauen sich Rettungsringe und Taucherbrillen aus Klorollen.
Chor		Die Welle setzt an. Wir sollten Täler zählen 
                        auf dem Weg zum nächsten Tauchgang. 
                        Pocht das Herz, man atmet sich aus, atmet 
                        ein den Mundgeruch des eigenen Seins, kann 
                        nicht sein, nicht wir stinken hier, wir 
                        ersticken, gefiltert die Luft, die Laute leise, 
                        nein, Gerüche kreisen zwischen Mund und 
                        Nase, Nase und Mund, Kondenswasser tropft 
                        auf das Kinn, kein Nasensekret, kein Alarm
                        gegeben, zu oft, zu schnell, zu langsam, das
                        Herz pumpt sich weg, löffelt Sand, baggert
                        Schaufelgraben, nein, Sandschaufeln, 
                        Schaufelhaufen, den Berg aufhaufen. Hol die 
                        Monstranz raus, Weihwasser auch, wir haben    
                        alles zum Leichenschmaus unserer selbst, wer 
                        wir einst waren, kehrt nicht zurück. Die 
                        Stunde schlägt schwer an, das Pendel 
                        zerdrückt die Hoffnung auf Freiheit im 
                        Minutenglück. Wir wissen selbst nicht, was 
                        wir sagen, was wir sagen sollen, nein, wissen 
                        wir nicht. Doch wir geben den Ton an, laut 
                        und klar. Kammerton A.

Die verflixte Zahl 3

(...)
Nicolas		Was zählst du gerade?
Helene		Tu ich das?
Nicolas		Gib es doch zu.
Helene		Nein. Ich glaube nicht, dass ich zähle.
Nicolas		Es macht mich wahnsinnig, wenn du zählst.
Helene		Aber wenn ich es gar nicht tue?
Nicolas		Dann ist es ja gut!
Stille.
Helene		Ich bin müde.
Nicolas		Dann leg dich hin.
Helene		Kannst du...
Nicolas		Ich muss nachdenken.
Helene		Gute Nacht.
Helene zieht eine Matratze aus dem Haufen mit Matratzen und legt sie obendrauf über das leere Geschirr des Tages. Helene legt sich drauf.
Helene		Mach nicht zu lange.
Nicolas		Nein, ich komme bald.
Helene		Gute Nacht.

II. Unsere Albträume wachen über uns.
Das Licht geht aus, ausser bei Nicolas, der bei einer Schreibtischlampe sitzt. Die Chormitglieder machen einzeln Glühlampen an.
Chor:		Wir sehen das Licht. Es brennt die ganze      
                         Nacht. Durchs Fenster sehen wir dich. Wir        
                         wünschten, du hieltest Wacht gegen die 
                         Geisterstimmen der Nacht. Aber du scheinst 
                         taub. Du brütest vor dich hin. Was quält 
                         dich?
Chorführerin:    Wir wissen es doch.
Chor:		Aus Nähe wird Enge, Beklemmung, die Luft 
                        wird dünn. Zu oft haben wir das schon 
                        gesehen. Schau auf, wir sind hier, wir helfen 
                        dir! 
Chorführerin:    Zu spät.
Chor:		Verrennt sich, verfängt sich im Spinnennetz 
                        seiner Gedanken, laicht sich ein, wie leicht es 
                        wäre, sich zu befreien, wenn er mit anderen, 
                        mit uns – nur ein Gespräch, Nachbar! Nein, er 
                        leckt seine Wunden, zählt seine Stunden, 
                        fragt sich, wann diese Art Leben eigentlich 
                        begann.
(...)
III. Solange man noch weg kann
Helene richtet sich auf der Matratze auf.
Helene		Hast du wirklich Regenwürmer gegessen?
Nicolas		Noch nicht.
Helene		Da bin ich froh.
Nicolas		Ich kann nicht mehr klar denken.
Helene		Warme Gedanken wären fein.
Im Sprichwort sagt man "Aller guten Dinge sind drei". Im Theater gilt diese Regel, um etwas zu etablieren. Wenn etwas einmal geschieht, dann gibt es keine Erwartungen. Wenn aber etwas zwei Mal geschieht, wartet das Publikum darauf, dass es noch ein drittes Mal geschieht. Bei zwei darf ich also nicht stehen bleiben.
An dem Text neben dran legt sich Helene zum ersten Mal schlafen. Ich würde sie gerne nochmals schlafen lassen (später), weil mir der Morgen als Anlauf für einen neuen Verständigungsversuch so gut gefällt. Allerdings kämpfe ich mit dem Gesetz der drei. Wenn ich Helene nochmal schlafen schicke, muss ich sie auch ein drittes Mal schlafen schicken, sonst wackelt die Architektur. Wenn ich sie aber dreimal schlafen schicke, kommt mir das vor, als ob ich eine Ehrenrunde einlege. Wahrscheinlich wird die Gute nur einmal schlafen dürfen.