Rohfassung und Streichen

Es ist geschafft - die Rohfassung des Stücks steht. Helene kommt zum Elysium und zu ihrer eigenen Version von Himmel und Erde.

Diesmal habe ich mich bislang bewusst davon abgehalten, fast so viel aus dem entstandenen Text zu streichen, wie ich hinzufüge. Gleich viel zu streichn habe ich zum Beispiel bei Ohne Mond getan und jetzt erst festgestellt, dass ich damit bei einem ziemlich minimalistischen Text gelandet bin, der den Lesern nicht viel außerhalb des Dialogs bietet.
Natürlich habe ich auch diesmal Textstellen gestrichen, die mir selbst langweilig waren oder die zu sehr nach Papier klangen. Den großen Rotstift habe ich aber nicht angesetzt, und das hat gut getan.
Ich glaube, Streichen ist ein Vorgang, der bereits zum Text Verwenden gehört. Man setzt die prüfende Brille auf und wägt ab. Um das Spielfeld aufzubauen, hilft dieser Blick mir nur bedingt. 

Mit dem Fertigstellen der Rohfassung ist es jetzt Zeit, vom Aufbauen zum Prüfen zu wandern.
Helene		Und dann lachen wir und lehnen uns zurück   
                        und schauen in den unendlichen 
                        Sternenhimmel, den wir von hier gar nicht 
                        sehen können, unser Himmelreich. Es macht 
                        alles Sinn. Der Himmel, über uns gespannt 
                        von Horizont zu Horizont, ist unser Zelt. Wir 
                        schauen uns eine Sternschnuppe aus, die 
                        Feuchtigkeit der Nacht auf unseren Lippen 
                        wie ein Versprechen, Mondwasserklatschen 
                        im Wellengeschwups.
Chorführerin	Schwupps.
Helene		Und dann sind wir bei der Galerie der Engel. 
                        Wir gehen hindurch. Einer wird sich uns an 
                        die Fersen heften. Bete dass es ein Guter ist. 
                        Wer das sehen könnte. Am Ende bleibt doch 
                        das Zwielicht der Dämmerung und ein 
                        Geschmack von weiss. Nein, mit Kitsch hat 
                        das jetzt mal nichts zu tun.
Chorführerin	Wir sind da.

Warum Regenwürmer?

Ein Probeleser des Stückes fragte mich, wie ich auf Regenwürmer gekommen sei. Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht. Aber ich habe gute Gründe gefunden, die Regenwürmer im Text zu behalten. 
Einerseits habe ich tatsächlich einmal im Balkonkasten Regenwürmer gefunden. Während des Lock-downs fehlte mir, wie wahrscheinlich vielen Städtern, ein Garten. Die Blumenkästen wurden dadurch noch wichtiger.
Andererseits nutzt Willard Gaylin Regenwürmer, um Freuds Triebtheorie zu widerlegen. Wenn Sexualität die Haupttriebfeder menschlichen Handelns wäre, wäre der Mensch gebaut wie ein Regenwurm: Mit einem anderen Geschlecht am jeweils anderen Ende, so dass sich der Regenwurm mit jedem anderen Regenwurm oder zur Not auch mit sich selbst paaren kann. Ich finde diese Beweisführung amüsant genug, um den Regenwurm als Symbol der Sexualität

Helene	Und was essen wir jetzt?
Nicolas versucht zu antworten. Helene läuft auf und ab. Dabei verteilt sie Spuren der übergekochten Weizenkörner.
Nicolas	Regenwürmer.
Helene	Nie im Leben.
Nicolas	Dann schlag etwas anderes vor.
Helene	So schlimm ist es auch noch gar 
                nicht. Ich halte das schon aus.
Nicolas	Wir könnten sie auf dem 
                Lampenschirm rösten.
Helene	Nein.
Nicolas	Dann mach ich das eben alleine.
Stille.
Helene 	Wir waren Vegetarier.
Nicolas	Wie kommst du darauf?
Helene 	Wir können keine Regenwürmer 
                essen.
Nicolas	Ich war gegen Massentierhaltung. 
                Regenwürmer aus Massen-
                tierhaltung gibt es nicht.
Helene	Musst Du immer recht haben?
(...)

Eigenleben

Musik hilft mir, den Figuren eine Stimme zu geben. Der Monolog von Helene, der hier zu lesen ist, ist als erstes entstanden. Um eine Gegenstimme von Nicolas zu finden, hilft mir die Musik von Asaf Avidan sehr weiter.

Fast so wichtig wie das Schreiben, ist das Zuhören. Ich verbringe viel Zeit damit, mir eine Liste von Musiktiteln zusammenzustellen und diese wieder und wieder anzuhören. Manche Musikstücke helfen mir, die Perspektiven von den Protagonisten zu erspüren. Manche helfen mir mit dem Rythmus oder den Übergängen. Das Schöne daran ist auch, dass ich mich auch dann mit dem Stück beschäftigen kann, wenn es meine Zeit eigentlich nicht erlaubt. Die Musik nimmt mich nicht kognitiv in Anspruch, sondern unterfüttert die Emotionen.

Helene 		Und dann kannst du plötzlich nicht mehr 
                        anders. Als ob alles Verständnis auf einmal 
                        aufgebraucht wäre. Du weisst selbst nicht, 
                        wie das sein kann. Wo ist deine Würde 
                        geblieben? Du siehst, dass all das, was du 
                        hingenommen hast, weil du dachtest, dass es 
                        schon werden wird, dass man Geduld 
                        braucht, dass es einen Sinn hat, das 
                        auszuhalten, dass das eine einzige Lüge war. 
                        Mehr noch. Dass die Luft zu knapp zum 
                        Atmen wird für zwei Menschen, die jeweils 
                       die Lufthoheit über den Raum beanspruchen, 
                       der einmal gemeinsam war. Der Misthaufen, 
                       der Sammlung oder Kunst oder Teil einer 
                       Installation genannt wurde, wird wieder zum 
                       Misthaufen. (...) Es kratzt dich im Hals. Du 
                       räusperst dich. Und dann passiert, womit du 
                      nicht gerechnet hast. Der andere schnappt 
                      nach dir. Wegen einem Räuspern. Mit Worten 
                      schnappt er nach dir. Du darfst dich nicht 
                      einmal Räuspern. Du willst beschwichtigen, zu 
                      lächerlich ist die Sachlage, aber deine Worte 
                      kommen lauter aus deinem Mund, als du es 
                      willst. Der andere schreit. Du schreist. Weil du 
                      nicht gehört wirst, weil es doch, verdammt 
                      noch mal, nicht um dem Misthaufen geht, 
                      sondern darum, dass du hier einfach 
                      unterlegen bist, dass du nicht ausreden 
                      kannst, dass du nicht die richtigen Worte 
                      findest, ja, die Worte, die du mühselig 
                      zusammengeklaubt hast, werden vom anderen 
                      in der Luft zerfetzt und es prasseln auf dich 
                      Wortsalven und du kommst gegen das 
                      Trommelfeuer der fremden Logik nicht an und 
                      findest in den eigenen Worten keine Deckung. 
                      Und dann schmeißt du etwas auf den Boden. 
                      Ein Zeichen nur, dein Widerstand, um nicht 
                      überrannt zu werden. Aber die Wortsalven 
                      werden heftiger. Du greifst den nächsten 
                      Gegenstand und schleuderst sie dem anderen 
                      an den Kopf. Knapp neben den Kopf. Du 
                      erwartest Ruhe, damit du dich endlich erklären 
                      kannst, aber stattdessen ist der andere zum 
                      Nahkampf übergegangen. Sein Mittel der Wahl 
                      ist ein Bajonett mit scharfer Lanze oben dran 
                      und damit rückt er dir auf den Leib. Du siehst 
                      die Klinge vor deinem Gesicht und rastest aus. 
                      Du wühlst dich durch alles, was du finden 
                      kannst, suchst Deckung, suchst Halt, Trost in 
                      dieser Unmöglichkeit, in der du doch 
                      eigentlich gar nicht sein kannst, aber der 
                      andere kennt dich zu gut, er hat deine Fährte 
                      gewittert, folgt dir auf dem Fuss, jeder Winkel 
                      ist nur ein Hinterhalt und du, du, du kannst 
                     nicht anders, du haust ihm das Bajonett aus der 
                     Hand und da kommst du zur Besinnung, weil 
                     deine Haut auf seine Haut trifft, aber da ist es 
                     zu spät. Du schwörst, dass es dir leid tut, dass 
                     du das nicht wolltest, aber du hast den 
                     Höllenhund im anderen geweckt und er springt 
                     dir entgegen und du hältst dir den eigenen 
                     Kopf, damit er in dieser Schlacht nicht davon 
                     getragen wird.

Worum geht es?

Wenn ich sage, ich schreibe an einem Stück, kommt unweigerlich die Frage, worum es geht. Ich zucke dann innerlich ein bisschen zusammen. Wenn ich von vornherein genau wüsste, worum es geht, müsste ich mich ja nicht durch den Schreibprozess quälen. 

Um den Frager nicht leer ausgehen zu lassen ohne mich zu weit hinauszulassen, nenne ich dann den Arbeitstitel. Der heisst für die Geschichte von Helene und Nicolas Der Zerfall des Wirs oder Ausflug zum Rand der Gesellschaft. 

Der Arbeitstitel ist so etwas wie mein persönlicher Kompass auf dieser Reise. Das ist sein Zweck. Der endgültige Titel, mit dem ich mich am Ende beschäftigen muss, hat einen anderen Zweck. Der endgültige Titel richtet sich an das Publikum und soll dessen Neugier reizen.

Aber nochmal zurück zur Frage: Worum geht es? Natürlich hatte ich in der Vergangenheit auch mal die Vorstellung, dass man sich eine Handlung ausdenkt, und dann diese ausgestaltet. Das mag für manchen Autor auch funktionieren. Für mich funktioniert es nicht. Ich vergleiche das mal mit dem Malen: manche finden Ausmalbilder meditativ. Ich war darin noch nie besonders gut und irgendwann kommt unweigerlich der Punkt, an dem ich mich langweile und bleiben lasse. Deswegen bitte ich den Frager immer um Nachsicht, dass ich das mit der Handlung nicht so genau beantworten kann.
Bei einer Baustelle fragt selten jemand, worum es geht. Was gebaut wird, fragt man schon eher.

Verankern der Geschichte – der Chor

Es gibt gleich mehrere Gründe, warum ich mich für einen Chor in der Geschichte von Nicolas und Helene entschieden habe. Einerseits kann ich so die Umstände des Geschehens porträtieren (ein extremer Lock-down). Andererseits kann ich so die Mehrheitsgesellschaft mit einbeziehen. Diese nimmt nur begrenzt wahr, was bei einzelnen Mitgliedern vorgeht, aber durchläuft dadurch auch als Gruppe eine Veränderung. Anfangs sehr aufmerksam und einsatzbereit, wird der Chor mit der Zeit immer lethargischer. Ich vermute, dass es nach der Lethargie noch weitergeht, aber so weit bin ich noch nicht.
Der nebenstehende Ausschnitt findet sich aktuell etwas nach der ersten Hälfte der Geschichte.
Das Licht glimmt herunter. Ein Geräusch wie Regen setzt ein. Klorollen fallen auf die Bühne. Die Chormitglieder springen auf und horten Klorollen. Sie bauen sich Rettungsringe und Taucherbrillen aus Klorollen.
Chor		Die Welle setzt an. Wir sollten Täler zählen 
                        auf dem Weg zum nächsten Tauchgang. 
                        Pocht das Herz, man atmet sich aus, atmet 
                        ein den Mundgeruch des eigenen Seins, kann 
                        nicht sein, nicht wir stinken hier, wir 
                        ersticken, gefiltert die Luft, die Laute leise, 
                        nein, Gerüche kreisen zwischen Mund und 
                        Nase, Nase und Mund, Kondenswasser tropft 
                        auf das Kinn, kein Nasensekret, kein Alarm
                        gegeben, zu oft, zu schnell, zu langsam, das
                        Herz pumpt sich weg, löffelt Sand, baggert
                        Schaufelgraben, nein, Sandschaufeln, 
                        Schaufelhaufen, den Berg aufhaufen. Hol die 
                        Monstranz raus, Weihwasser auch, wir haben    
                        alles zum Leichenschmaus unserer selbst, wer 
                        wir einst waren, kehrt nicht zurück. Die 
                        Stunde schlägt schwer an, das Pendel 
                        zerdrückt die Hoffnung auf Freiheit im 
                        Minutenglück. Wir wissen selbst nicht, was 
                        wir sagen, was wir sagen sollen, nein, wissen 
                        wir nicht. Doch wir geben den Ton an, laut 
                        und klar. Kammerton A.

Die verflixte Zahl 3

(...)
Nicolas		Was zählst du gerade?
Helene		Tu ich das?
Nicolas		Gib es doch zu.
Helene		Nein. Ich glaube nicht, dass ich zähle.
Nicolas		Es macht mich wahnsinnig, wenn du zählst.
Helene		Aber wenn ich es gar nicht tue?
Nicolas		Dann ist es ja gut!
Stille.
Helene		Ich bin müde.
Nicolas		Dann leg dich hin.
Helene		Kannst du...
Nicolas		Ich muss nachdenken.
Helene		Gute Nacht.
Helene zieht eine Matratze aus dem Haufen mit Matratzen und legt sie obendrauf über das leere Geschirr des Tages. Helene legt sich drauf.
Helene		Mach nicht zu lange.
Nicolas		Nein, ich komme bald.
Helene		Gute Nacht.

II. Unsere Albträume wachen über uns.
Das Licht geht aus, ausser bei Nicolas, der bei einer Schreibtischlampe sitzt. Die Chormitglieder machen einzeln Glühlampen an.
Chor:		Wir sehen das Licht. Es brennt die ganze      
                         Nacht. Durchs Fenster sehen wir dich. Wir        
                         wünschten, du hieltest Wacht gegen die 
                         Geisterstimmen der Nacht. Aber du scheinst 
                         taub. Du brütest vor dich hin. Was quält 
                         dich?
Chorführerin:    Wir wissen es doch.
Chor:		Aus Nähe wird Enge, Beklemmung, die Luft 
                        wird dünn. Zu oft haben wir das schon 
                        gesehen. Schau auf, wir sind hier, wir helfen 
                        dir! 
Chorführerin:    Zu spät.
Chor:		Verrennt sich, verfängt sich im Spinnennetz 
                        seiner Gedanken, laicht sich ein, wie leicht es 
                        wäre, sich zu befreien, wenn er mit anderen, 
                        mit uns – nur ein Gespräch, Nachbar! Nein, er 
                        leckt seine Wunden, zählt seine Stunden, 
                        fragt sich, wann diese Art Leben eigentlich 
                        begann.
(...)
III. Solange man noch weg kann
Helene richtet sich auf der Matratze auf.
Helene		Hast du wirklich Regenwürmer gegessen?
Nicolas		Noch nicht.
Helene		Da bin ich froh.
Nicolas		Ich kann nicht mehr klar denken.
Helene		Warme Gedanken wären fein.
Im Sprichwort sagt man "Aller guten Dinge sind drei". Im Theater gilt diese Regel, um etwas zu etablieren. Wenn etwas einmal geschieht, dann gibt es keine Erwartungen. Wenn aber etwas zwei Mal geschieht, wartet das Publikum darauf, dass es noch ein drittes Mal geschieht. Bei zwei darf ich also nicht stehen bleiben.
An dem Text neben dran legt sich Helene zum ersten Mal schlafen. Ich würde sie gerne nochmals schlafen lassen (später), weil mir der Morgen als Anlauf für einen neuen Verständigungsversuch so gut gefällt. Allerdings kämpfe ich mit dem Gesetz der drei. Wenn ich Helene nochmal schlafen schicke, muss ich sie auch ein drittes Mal schlafen schicken, sonst wackelt die Architektur. Wenn ich sie aber dreimal schlafen schicke, kommt mir das vor, als ob ich eine Ehrenrunde einlege. Wahrscheinlich wird die Gute nur einmal schlafen dürfen.

Protagonisten und Katalysatoren

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob meine Unterscheidung so stichhaltig ist, aber in meinem Denken gibt es Figuren, die eine Veränderung durchlaufen. Man kann sie auch Helden oder Protagonisten nennen. Und dann gibt es Katalysatoren, also solche Figuren, die eine Veränderung beschleunigen, aber selbst  keine nennenswerte Veränderung durchmachen. Übrigens meine ich mit Veränderung einen emotional aufgeladenen Übergang aus einer Not in einen neuen Balance-Zustand der Hauptfigur(en).

Eigentlich wollte die Geschichte von Helene und Nicolas ohne Katalysatoren erzählen. Es kann aber sein, dass das zu undramatisch lange dauert. Deswegen denke ich darüber nach, sie wirklich Besuch bekommen zu lassen. Aktuell heisst der Besuch Michelle und ist eine Studienkollegin. (Bitte nicht enttäuscht sein, wenn sich das noch ändert.)
(...)
Michelle   Ihr wohnt ja geil!
Helene     Das ist Teil von Nicolas' Installation.
Michelle   Klar. Nick, altes Haus, immer noch 
                künstlerisch unterwegs?
Nicolas     Was machst du hier?
Michelle   Mein Ex hat mich rausgeschmissen.
Helene     Wie hast du es an den Kontrollen 
                vorbei geschafft?
Michelle   Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.
Helene     Wann haben wir uns bloss das 
               letzte Mal...
Michelle   Puh, das war... Mindestens...
Nicolas     12 Jahre.
Michelle    Auf Nick ist Verlass. Das war schon 
                immer so.
Helene      Er hat es lieber, wenn man ihn 
                Nicolas nennt.
Michelle    Ach so?
Helene      Stimmt doch, Nicolas?
Nicolas      Wie bitte?
(...)

Angebote und Versprechen

Ich weiss nicht genau, ob das Wort Angebot in dem Sinn wie man es im Theater verwendet vom Improvisationstheater kommt. Jedenfalls ist damit jeder szenische Vorschlag gemeint und es ist sehr wichtig, Vorschläge anzunehmen. 
Als Schauspielschüler war das richtig schwierig für mich. Wie oft wollte ich schlauer oder kreativer sein als mein Szenepartner oder fand einen Vorschlag nicht gut. Inzwischen ist das Vorschlagannehmen mir ziemlich in Fleisch und Blut übergegangen, aber es klappt trotzdem nicht immer. Wenn ich etwas schreibe, frage ich mich deswegen im nächsten Lese-Durchgang, ob da noch irgendwo ein Vorschlag (von mir selbst) steckt, den ich nicht angenommen habe. 
In diesem Abschnitt hier sind die Frage nach der Sehnsucht und die Beschreibung des Orts solche Vorschläge. 
Darüber hinaus gibt es Versprechen gegenüber dem Publikum, Vorschläge, die zu einem späteren Zeitpunkt eingelöst werden müssen. Im Chortext steckt ein Versprechen, nämlich die endgültige Gewissheit, die erwartet wird. Was das sein wird, ahne ich im Moment selbst mehr als dass ich es weiss.
1) 		Hast du Sehnsucht?
2) 		Ja. 
1) 		Du.
2) 		Und du.
1)		Ich seh dich ganz klar.
2) 		Und ich dich. Gegens Licht.
1) 		Wenn Gegenlicht, dann scheint die Sonne.
2) 		Ja.
1) 		Dann ist es Nachmittag.
2) 		Herbst
1) 		Ein goldener Tag.
2) 	        Wie wir das vergessen konnten, dass die Sonne so   
                mild tun kann.
Chor 	Und wir warten. Und schauen dem Staub zu. Weil 
                da so eine Ahnung ist, dass da wer kommen wird. 
                Oder was. Das, was wir längst schon wissen, 
                erwarten wir heute. Eine endgültige Gewissheit, 
                das, was vor der Geburtsurkunde eingetragen 
                wurde für uns. Wahrscheinlich ist das der Ort der 
                Vorfahren. Wir kennen ihn und irgendwie nicht. 
                Vielleicht kommt der Staub uns hier bekannter vor 
                als anderswo.

Protagonisten und Namen

Im Moment haben meine Protagonisten keine Namen (siehe Beitrag "Start"), sondern sie sind mit den Zahlen 1 und 2 gekennzeichnet. Meine früheren Mentoren hätten mich schon längst aufgefordert, über Namen nachzudenken, weil eine Geschichte immer konkrete Menschen braucht. Und ich denke auch über Namen nach, aber ich vergebe erst mal noch keine (ich habe jetzt etwa 10 Seiten Dialog geschrieben). Als Ausrede für mich selbst nutze ich eine Analogie, nämlich, dass viele Eltern ja auch nicht gleich am Anfang einer Schwangerschaft einen Namen für das noch nicht geborene Kind festlegen. 
Gleichzeitig bedeuten 1 und 2 auch etwas für mich. 
In Ungarn gibt es eine Registernummer oder Personalnummer, für jede gemeldete Person. Die Nummer endet entweder mit 1, wenn die Person männlichen Geschlechts ist, oder 2, wenn es sich um eine weibliche Person handelt (auch Kinder erhalten diese Nummern). Als ich die Logik das erste Mal erklärt bekommen habe, war ich ziemlich schockiert. Ich musste sofort daran denken, dass es Bürger erster und zweiter Klasse gibt. Die Reaktion überrascht vielleicht nicht, wenn man daran denkt, dass ich als Aussenstehende in ein fremdes Land gekommen bin - Dinge, die Einheimischen ganz normal vorkommen, waren äußerst seltsam für mich. Und weil sich niemand groß etwas dabei denkt, ist es auch so schwierig, etwas "Normales" zu thematisieren. Auch kann und will ich nicht behaupten, dass Ungarn in Sachen Gleichberechtigung hinter anderen Ländern hinterherhinkt.
Aber weil die 1 für mich für Angehörige einer priviligierten und die 2 für Angehörige einer gesellschaftlich marginalisierten Gruppe steht, halte ich vorerst an den Zahlen fest. Mal sehen, wann ich mich für Namen meiner Protagonisten entscheiden muss.